Das seelische ADHS-‚Jack-in-a-box‘-Monster

Kennt ihr das? Aus heiterem Himmel könntet ihr einfach zusammen brechen und in Tränen ertrinken? Vielleicht könntet ihr innerlich, aber nach außen schafft es das Gefühl nicht? Manchmal ist es ein tiefer Atemzug, der aber statt ruhig und gleichmäßig, abgehackt und stotternd in die Lunge strömt, als hättet ihr gerade stundenlang geschluchzt, aber das habt ihr nicht? Bei mir sind das jedenfalls die Anzeichen dafür, dass da etwas innerlich rumort, nach Aufmerksamkeit schreit, ein seelisches ADHS-Jack-in-a-box-Monster. Wenn es keine Aufmerksamkeit bekommt, dreht es so lange an der Kurbel, bis es plötzlich, unaufhaltsam und endgültig aus der Box springt. Und nein, ein Vergleich mit Schrödingers Katze ist hier unangebracht, da die Box schon vorher sehr lebendig rappelt.

Wenn das mit der Atmung bei mir anfängt, versuche ich schon auf Spurensuche zu gehen, was aber immer recht diffus ist, da die allgemeine Situation gerade eh etwas „chaotisch“ ist. Mit viel Glück erwische ich direkt ein potentiell großes seelische ADHS-Jack-in-a-box-Monster im Anfangsstadium und kann es frühzeitig beruhigen, mit weniger Glück nur ein kleines SAJM. Wenigstens kann man hier kein Pech haben.

So ein „übersehenes“, aber potientiell großes SAJM schreit irgendwann laut: „Ich will, aber ich kann (noch) nicht!“, nur ’noch‘, da die Selbstbeherrschungs- und Verdrängungsmechanismen noch stark genug sind. An diesem Punkt muss ich irgendwie eine Auszeit planen, die je zeitferner desto länger sein muss. Absolut zeitkritisch wird es dann bei ungeplanten Heulkrämpfen. Einer von der Sorte hat sich mit Phase zwei die letzten Wochen angekündigt und befand sich kurzfristig schon in Phase drei (somatische Stressreaktionen, unkontrollierbare Heulkrämpfe). Und wie das so ist, findet sich im Kalender ein guter Grund für eine Auszeit und in diesem Fall auch noch ein guter Zeitpunkt, um das letzte Jahr seit der Festigung der Diagnose Revue passieren zu lassen.

Wenn ich selbst zurück blicke, kann ich behaupten, dass es mir besser geht, aber das ist meine subjektive Wahrnehmung, die auch heißen kann, dass ich besser damit klar komme. Oder es liegt am Wetter, das hat eh immer (eine Mit-)Schuld. Aber ich für mich sehe einen Fortschritt. Quantensprüunge sind eben extrem klein und schwer zu beobachten.Während ich Ende letzten Jahres nicht mit dem Gedanken klar kam, dass der damalige Zustand „für immer“ sein sollte, weil es langfristig unerträglich schien (und nicht nur ob der Angst vor der Abhängigkeit von Psychopharmaka), kann ich mir jetzt vorstellen, dass es so wie es jetzt ist, auch in 10 Jahren sein könnte und dass sich für mich so auch neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung wieder öffnen. Immer vorausgesetzt, dass ich nicht zu viel zu schnell will (oder jemand aus meinem Umfeld mich derart „übermotiviert“).

Ich neige ja dazu, etwas kryptisch zu werden und damit ich auch selbst in ein paar Monaten noch weiß, um was es sich hier konkret handelt, muss ich das festhalten: Gleichwohl ich mich nun mit Bürokratie rumärgern muss und mich dabei Massen an Konfrontationen ausgesetzt sehe und fühle, immerhin habe ich den Mut, um mich dem zu stellen.

Berg auf? Gibt's nicht!
Berg auf? Gibt’s nicht!

Fast hätte ich auch „die Kraft“ geschrieben, aber das stimmt nicht. Die muss anderweitig abgezweigt werden, sodass ich noch weniger zu Dingen komme, die mir Freude machen. Aber wenigstens schaffe ich es besser den Punkt kurz vor der Erschöpfung, jedenfalls der körperlichen, zu bemerken und kann sogar abzuschätzen, für wie lange mich Extraanstrengungen „nachverfolgen“. Mit der Folge, dass ich mich kontinuierlich mehr bewege. Dabei handelt es sich zwar nur um minimale Fortschritte, aber sie sind messbar. Meine neu gewonnene Mobilität gründet sich besonders auf meinem eBike, das mir meine Eltern geschenkt haben. Mein Schlaf wird zwar nicht besser, aber es stresst mich weit weniger, dass die meisten Nächte nicht „so geil“ sind. So sind es immerhin 4-5 Stunden, die man als Schlaf bezeichnen kann. Zu guter letzt werden die Psychopharmaka weniger. Lyrica ist bereits gänzlich abgesetzt, quält mich seitdem aber mit Übelkeit. Das Cymbalta ist nur noch auf 1/3 der Dosis vom Jahresanfang. Das sind regelrechte Steine, Monolithen, Alpen… auf der Seele damals gewesen. Da ich mich der Bürokratie gestellt habe, wurde ich auch „belohnt“ mit einer Ausnahmegenehmigung für ein Mittel, das hunderte Male besser wirkt als alles was die Pharmazie bisher hergegeben hat – und nicht körperlich abhängig macht. Dazu ein ander Mal an einer anderen Stelle mehr.


Unterm Strich sieht es doch ganz gut aus, oder? 😉

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